home Corona-Chronicles Corona-Chronicles: Interview mit Rascal Hueppe, Rotersand

Corona-Chronicles: Interview mit Rascal Hueppe, Rotersand

Gothic Empire:Hallo lieber Rascal, wie geht es Dir und hat Dein Aufruf “for females actors” mit Vasi bei Facebook Erfolg gehabt?

Rascal: Wir konnten uns vor Bewerbungen nicht mehr retten. 😉 Ich finde es schön, dass man auf fb auch so rumalbern und mit Ironie experimentieren kann. Facebook ist so wahnsinnig ernst und anstrengend geworden. Der Mob entlädt seinen unreflektierten Frust in schamloser Weise, Meinung orientiert sich vor allem an Gefühlen denn an Fakten. Das Teilen von YouTube Videos auf Boulevard Niveau wird als Geheimwissen, Forschung und Wissenschaft verkauft. Facebook und viele seiner Nutzer ekeln mich immer öfter nur noch an. Humor und Blödelei helfen mir, dort nicht gänzlich auszusteigen. Vasi ist ein Fels in der Brandung, der mich immer wieder mit Humor und kleinen schlauen Aussagen auf Facebook erfreut und den ebenso gefährlichen Virus des ´Es-Sich-Gedanklich-Alles-Etwas-Sehr-Leicht-Machens´ bekämpft.


Gothic Empire: Du bist ja jetzt nicht so der große Schreiber in den sozialen Medien, aber können wir uns vielleicht auch noch auf ein Live Stream mit Dir an der Gitarre freuen, oder ist es nun schon wieder ausgelutscht? (Hatte einen Post gesehen von 2017 und der hat mir sehr gefallen)

Rascal: Ich bin da hin und her gerissen. Zum einen freut sich jeder Künstler über Relevanz und Reichweite, zum anderen zerstört die Zunahme der umsonst & einfach Kultur gute Musik, weil sich Musikschaffende und Hörer zunehmend auf Hobby-Niveau begegnen. Ich habe selten so viel belanglose Live Streams von belangloser Epigonen-Musik mit belanglosen Texten gehört wie in den letzten Wochen. Die Abwesenheit eines Publikums wirft mich als Zuschauer ja ganz auf die Musik und die Performance zurück, das tut den wenigsten Bands gut. Das war sehr oft zumindest mein Gefühl. Ich finde Musiker, die etwas auf sich halten, sollten sich nicht betrunken hinter Keyboards in ihre spießigen Schlafzimmer stellen und „jetzt alle“ brüllen. Man kann das süß finden, wenn die Frisur dabei sitzt, muss man aber nicht. Insofern ist das von Dir zitierte kleine Besteck nur mit Gitarre oder Piano ein etwas sicherer Boden, weil es der Substanz in Songs und Texten in der Intimität Raum gibt. Das kann niemals ´auslutschen´, weil es uns in die Essenz der Musik führt, die uns verbindet. Mir fällt das aber gerade irgendwie schwer, dies in einem Medium zu tun, das mir so auf den Keks geht. Ich spiele zu Hause viel alleine und brauche da eigentlich niemanden bei, der dann mal rein klickt und sich zwischendurch ein Wurst-Brot schmiert. Vielleicht ist allein sein einfach auch allein sein und zusammen durchdrehen dann um so mehr ein zusammen durchdrehen in einiger Zeit. Wenn jemand nettes käme und mich fragt, ob ich für ein paar Leute die Akustik raushole und ein paar Nummern zum besten gebe, würd ich es machen. Mir fehlt da der Antrieb aus eigenen Stücken, das zu organisieren. Es müsste irgendwie auf eine engere Blase limitiert sein und Wurstbrote verboten.


Gothic Empire: Jetzt aber mal Ernst: Wie sieht Dein Alltag im Moment aus, was tust Du, was tust Du nicht? Wie sehr ist Dein Leben eingeschränkt?

Rascal: Ich schreibe neue Songs auf Gitarren und am Rechner in Logic und bin in regem Austausch mit Krischan. Ich klimper abends auf der Gitarre. Eigene Songs und viele anderer Künstler, Johnny Cash, Peter Murphy, Coldplay… . Ich über an einer Radiohead Nummer, „Exit Music“, da sind ein paar Fingerbrecher in der Tabulatur. Ich habe mir einen VW T5 Bus gekauft, den ich ganz loungig ausbaue, so als eigener Backstage, zum Pennen auf Festivals und so weiter. Selbstversorgend mit Solar-Panel und so, das ist faszinierend, was es da alles gibt. Mir fehlt mein Ballsport total, aber wir machen mit der Beachvolley Gang regelmäßig Zoom-Chats. Überhaupt Facetime ich viel mit Freunden und es gibt immer mal physical Distance Besuche bei uns im Garten. Aber wir sind hier gesund und unsere Zivilisation steht im großen und ganzen noch, dafür bin ich sehr dankbar.


Gothic Empire: Hattest Du Pläne diesen Sommer, die nun dem Virus zum Opfer gefallen sind?

Rascal: Na die Festivals sind ja auf 21 verschoben. Die Gothic Cruise auch. DJ Gigs / Parties wird es auch irgendwann wieder geben. Klar ist es doof ein so schönes neues Album (Anm. der Redaktion: “How Do You Feel Today”) mit Rotersand raus zu haben und es nicht live spielen zu können aber das holen wir ja hoffentlich nach. Freue mich auf die ausgehungerte Crowd! 🙂


Gothic Empire: Kannst Du die freie Zeit nutzen, oder hast Du noch einen Beruf neben der Musik, der Dich trotz Krise fordert?

Rascal: Ich habe meine Management Karriere an den Nagel gehängt und bin vor allem Musiker. Ich bin sehr gut mit dem Geld umgegangen, das ich als Freizeitpark-Manager & Entwickler verdient habe. Das hilft mir jetzt sehr.


Gothic Empire: Kannst Du für Dich aus der auftrittsfreien Zeit auf etwas Gutes gewinnen, mal zur Ruhe kommen, oder nervt alles und Du willst einfach nur auf die Bühne?

Rascal: Ich habe schon Tage, an denen mir die Decke auf den Kopf fällt und ich dringend ein paar gute Volleyballpässe gebrauchen könnte und mich in den Sand schmeissen will. So gern ich Dystopien lese oder anschaue, in einer dauerhaft Leben wäre blöd.


Gothic Empire: Ich frage alle meine Interview-Partner: Was darf bei Dir zu Hause nicht fehlen, auf was kannst Du nicht verzichten: Schokolade oder Wein, materiell oder auch emotional?

Rascal: Ich bin sehr froh und dankbar, nicht allein zu wohnen, das wäre jetzt doppelt grausam für mich. Meine Frau und mein Kater Grobi sind mein Zuhause. Tatsächlich esse ich sonst kaum Schokolade, aber jetzt ist es Therapeutikum geworden.


Gothic Empire: Die Welt ist in einem Ausnahmezustand. Aber jeden trifft es unterschiedlich hart. Mein Herz schlägt für die Musik, aber das ist Meckern auf hohem Niveau, keine Konzerte besuchen zu können. Für andere hängt die Existenz davon ab, wie und wann es weitergeht. Ist der Schaden Deiner Meinung nach zu beheben?

Rascal: Die Antwort hängt davon ab, wie weit wir uns hinter das Bild der Weltkarte stellen wollen. Sind die Schäden unseres Lebens vor Corona zu beheben? Ist der Virus Mensch von Mutter Erde zu überleben? Der Earth Overshoot Day rückte Jahr für Jahr vor, wir waren und sind auf dem besten Weg unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. So finster Einzelschicksale in einer limitierten Wirtschaft sind, so sehr wirtschaftliche Folgen befürchtet werden und Menschen, die unter diesen Folgen leiden, nicht allein gelassen werden dürfen. Ich bin verwundert, dass wir so tun, als wäre unser Wirtschaftssystem vor Corona, gesund, gerecht, sozial und nicht auf rücksichtsloseste Art brutal und zerstörerisch gewesen. Vielleicht wehrt sich die Natur ja doch gegen ihre bösartigste Bedrohung.


Gothic Empire: Hast Du musikalische Pläne für die nähere Zukunft, ein neues Projekt?

Rascal: Love&Revenge mit Axel Ermes und André Walter. Das wird herrlich plüschig 80s. Axel und ich haben in den 80igern ja schon Backstages geteilt. Schön mit heutiger Technik und Erfahrung da musikalisch nochmal zusammen hinzugehen.


Gothic Empire: Magst Du unseren Lesern noch eine kleine Botschaft mit auf den Weg geben?

Rascal: „With Love you see with hate you´re blind“ (Love&Revenge, „With Love you´ll see“)


Gothic Empire:Lieber Rascal, ich danke recht herzlich für Deine Zeit, bitte bleib gesund.

Rascal: Danke sehr. Toi aussi.

https://www.facebook.com/rotersand/

https://rotersand.net/