home Gothic Musik Exklusiv-Interview mit Hilton Theissen (ZOODRAKE) Produzent, Wide Noise Studios

Exklusiv-Interview mit Hilton Theissen (ZOODRAKE) Produzent, Wide Noise Studios

Hilton Theissen, geboren 1974 in Süd Afrika, aufgewachsen in Deutschland, ist vielen als Musiker zahlreicher Projekte bekannt. Er gründete 1990 die Death Metal Formation DARK MILLENNIUM. Nach deren Auflösung folgten seine eigenen Projekte wie “RAPE” und “CHERUB” (1994-1995). 1999 folgte dann zusammen mit Uwe Lübbers das bis heute existierende Projekt AKANOID, welches Stilelemente aus Elektro, House, Trance und Synth-Pop sowie Indie-Rock und Alternativ-Rock vereint. Neben AKANOID war er von 2013 bis 2019 Mitglied bei der Band SEADRAKE. Heute ist er zusammen mit Jörg Janser und Olaf Wollschläger bei THE JOKE JAY und hat mit ZOODRAKE seit 2019 sein eigenes Projekt.

Neben seiner Tätigkeit als Musiker ist Hilton auch Produzent und hat seit 2017 in Arnsberg sein eigenes Studio WIDE NOISE. Zu der von Hilton produzierten Musik gehört das Album “du und ich und die andern” von Leichtmatrose (2015). Hierauf befindet sich auch das Duett mit Joachim Witt “Im Graben”. In den WIDE NOISE Studios produzierte er 2018 mit Matteo Fabbiani (Hell Boulevard) das erfolgreiche Album von Florian Grey “RITUS” und dort entsteht auch gerade das Nachfolgewerk. Erfolgreich sind auch seine Produktionen für die PLEXIPHONES und die Alternativ-Rock-Formation Mirrorplain und One Tape.  Im Jahr 2006 wurde für das Projekt ” Mein Freund ist Sauerländer” die bekannte Hymne von Zoff unter Hiltons Leitung neu eingespielt.

Gothic Empire: Hallo Hilton, vielen Dank für Deine Zeit. Legen wir gleich mal los;  Wie bist du dazu gekommen, andere Künstler zu produzieren, bzw. wie bist Du überhaupt zur Produktion gekommen?

Hilton: Ich würde sagen durch Neugier und eher schleichend. Ich durfte bei meinem ersten Album von Dark Millennium die Bandmaschine bedienen. Und ich war schon immer interessiert, wie die Sounds zustande kommen, warum dies und das nicht funktioniert. War immer etwas frustriert, wenn etwas nicht so geklungen hat, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich kannte auch nicht die Unterschiede zwischen verschiedenen Delays (Effektgeräte), habe mich gefragt, warum klingen die Delays im Studio immer anders. Und das war für mich sehr wichtig und ich wollte keine Kompromisse mehr eingehen. Ich habe mir vorgenommen, dass ich mein Augenmerk nicht mehr nur auf mein Instrument die Gitarre lenke oder darauf beschränke, sondern mich in die ganze Bandbreite entwickle. Und ich war hungrig und neugierig. Als ich Uwe Lübbers 1997 getroffen habe, und wir angefangen haben, Musik zu machen, wir uns mit der Technik auseinandergesetzt haben die wir hatten und mehrere Geräte dazu gekauft haben, sind wir da so reingerutscht. Wir haben uns dann selbst ausgebildet und weiterentwickelt. Ohne YouTube wie heute. Mussten viel nachlesen und ausprobieren. Wir kamen nicht selbst auf die Idee, für andere zu produzieren, sondern es wurde bei uns angefragt. Ich musste erst einmal lernen, meine Techniken auf die Charakteristik der anderen Künstler anzuwenden. Das hat lange gedauert, bis ich das wirklich konnte. Man sollte immer versuchen, der Band beim Umsetzten ihres Sounds zu helfen. Die erste Band war Life Jacket Under Seat. Leider gibt es diese Band nicht mehr, aber da haben wir ein paar echt gute Sachen gemacht.

Gothic Empire: Wo hast Du vor der Gründung des Wide Noise Studios die Musik produziert?

Hilton: Im Prinzip waren am Anfang von allem zwei Workstations: Zum einen Uwe Lübbers und was er hatte, und meine Sachen. Das hatte bis dahin noch keinen Namen. Als wir uns zusammengeschlossen haben, gab es AKANOID und wir wussten, dass es die Notwenigkeit gibt, das selber aufzunehmen. Das hat so lange gedauert, da die Kosten in einem gemieteten Studio horrend gewesen wären. Das wäre nicht wirtschaftlich gewesen. Bis dahin war ich nur gewohnt, von der Plattenfirma bezahlt ins Studio zu gehen und in einem gewissen Zeitraum aufzunehmen. Das ließ sich hier aber nicht realisieren. Aber diesmal passierte alles gleichzeitig: das Mischen, das Writing und Produzieren. So etwas gab es vorher noch nicht. Es war super spannend, die Aussicht auf das Endergebnis zu haben. Wir haben davon gelebt, unsere Musik mit Spacefish, AKANOID und Sphere zu produzieren. Eines Abends sind wir auf die Idee gekommen, da wir vom Sternzeichen alle Fische sind, das Studio Elektrofish zu nennen. Wir, das waren Uwe Lübbers, Linus Wessel und ich. Wir wohnten in einer WG, eine riesige Wohnung und hatten das Studio im Wohnzimmer, aber das kollidierte mit dem Alltag. So suchte ich ein wenig alltagsfreundlicheres aber arbeitstauglicheres Studio und fand eine alte Druckerei. Als es immer größer wurde haben wir es aufgeteilt und ich zog für 10 Jahre nach Soest. Mein guter Freund Stefan Schindel war allerdings der Meinung, dass der Name Elektrofish eher abschreckend wäre für die Rock-Bands und dachte mir, dass ein weit auslegbarer Begriff wie Wide Noise für alle Musikrichtungen geeigneter wäre. Also hab ich jetzt seit ca. 3 1/2 Jahren mein Studio in Arnsberg/Oeventrop, aber das Label Elektrofish gibt es nach wie vor.

Gothic Empire: Hast Du unterschiedliche Arbeitsweisen, gehst du unterschiedlich an Eigen- und Fremdproduktionen heran?

Hilton: Absolut! Bei Zoodrake ist es so, dass ich Stücke sammele, kann aber sein, das es auch mal ein halbes Jahr liegen bleibt. Irgendwann entdecke ich es neu, und kann völlig frisch und objektiv dran gehen. Bei Dark Millennium treffen wir uns immer zu einer Session und schreiben dann immer einen Song. Wir werfen uns Ideen zu, reflektieren und das geht völlig harmonisch. Und wenn man fremde Bands da hat, muss man sie erstmal anwärmen im Gespräch und man versucht, sie so gut es geht zu “profilen”. Man arbeitet mit unterschiedlichen Charakteren und man muss erkennen, wo der Kern der Band ist, wo will die Band hin. Ich höre genau zu und helfe ihnen, das Ziel zu erreichen. Ich will nie zum Starproduzenten mutieren. Ich rede anders mit den Leuten, als ich es früher erfahren habe. Vor der Gier von Fame und Geld bin ich erst einmal Künstler. Ich will Kunst erschaffen, bin für kulturellen Austausch und bin hier verantwortlich für die technische Leitung, manchmal auch für das Inhaltliche, z.B. Songwriting, additives Writing, Komposition, Programmieren, Melodien oder was dem Song sonst noch fehlt. Kreative Lösungen für Inhalt und Technik. Das ist für mich die Herausforderung. das ist meine Spezialität zu erkennen, was getan werden muss.

Gothic Empire: Also weiß man am Anfang einer Produktion noch nicht, wo die Reise hingeht?

Hilton: Es gibt Bands, die wissen genau was sie wollen. Ich mastere das ab genau nach ihren Vorgaben. Aber manchmal ist es schwierig, da hat man sechs oder sieben Versionen, bis der Mix dann so ist, wie sie es wollen, und denke manchmal, ich hätte zwar alles anders gemacht, aber wenn sie es so wollen…. Wir können uns gleich mal was am Mischpult anhören.

Gothic Empire: Gibt es einen Zeitstempel, bekommt man einen Zeitrahmen den man einhalten muss und kann ?

Hilton:  Ja das geht, es gibt Produktionen, die haben straffe Deadlines und es gibt Künstler, die machen halt mal und trödeln dabei vor sich hin und dann verzögern sich die Dinge. Und es gibt Künstler die wollen alles innerhalb einer Woche aufgenommen haben. Aber auch das ist machbar.

Gothic Empire: Welches war deine ungewöhnlichste Produktion, die dich am meisten gefordert oder auch an deine Grenzen gebracht hat?

Hilton: Davon gab es einige…. Wir hatten Produktionen, da haben wir an einem Tag 18 Stunden gearbeitet. Das wollten wir am nächsten Tag nicht noch einmal und es wurden 19 Stunden. Aber das war es nicht unbedingt. Es gab eine Band, die hat uns echt gefordert. Progressiven Metal haben die gemacht. Die hatten einen großen Gong dabei und einzeln Bläser zum Einspielen einbestellt und so. Dann hatte ich eine Black Metal Band da, die nur in meinem Studio waren, weil ich der Gründer von Dark Millennium bin. Für diese Band musste ich wegen verrückter Vorstellungen eine eigene Microphonie entwickeln. Interessant wird es da, wo die Vorstellungen so verrückt sind, dass man Dinge neu erfinden muss.

Gothic Empire: Was wäre deine Traumproduktion, wen würdest du gerne mal produzieren?

Hilton: “langes Schweigen”…. Weiß gar nicht was ich sagen soll, ich glaube es geht darum, mit wem ich gerne zusammen arbeiten würde. Das wäre Chris Corner (IAMX). 

Gothic Empire: Welches Album hättest du gerne selbst produziert?

Hilton: Ich möchte nicht behaupten ein Album wie Sgt. Pepper´s von den Beatles produziert haben zu wollen, aber schon in dieser Art. Es gibt Produktionen, da denke ich, warum ist mir das nicht eingefallen. Auch den Song Ludens, den die Band Bring me to the Horizon für das Playstation-Spiel Timefall aufgenommen haben, hätte mich interessiert. Das steht zwar sehr konträr zu meinen bisherigen Produktionen, aber bedient beides mein regenbogenfarbenes Rezeptorenprogramm.

Gothic EmpireWo siehst du dich in vielleicht fünf oder sechs Jahren?

Hilton: Oh die Frage hättest Du mir vor 20 Jahren stellen sollen. Ich glaube ich sehe mich ganz allgemein spezialisierter. Ich denke die Zeiten, die jetzt anbrechen werden dazu führen, dass wir uns alle mehr festlegen müssen. Ich will nicht mehr so viel machen, und mich auf eigene Sachen konzentrieren, denn das Studio hatten wir gegründet, um unsere eigene Musik zu produzieren. Um die Zeit zu haben, Themen reifen zu lassen. Ich bin froh, dass ich mehrere Standbeine habe in der jetzigen Lage und kann mein Ding durchziehen. Es ist sehr kraftraubend, viele Baustellen zu bedienen, deshalb heißt es für mich ganz klar: spezialisieren. Man kann sich einfach nicht verteilen.

Gothic Empire: Vielen Dank Hilton für dieses ausführliche Interview, Deine Zeit und den Einblick in Dein Studio. Es hat mir großen Spaß bereitet.

Und vielen Dank an Thorsten Schlink, der mir diesen Tag ermöglicht hat und mir bei der Ausarbeitung der Fragen behilflich war.