Die schwedische Darkwave- und Industrial-Formation Thin Eater meldet sich mit ihrem zweiten Studioalbum zurück. Am 29. Mai 2026 erscheint „Incisor“ über Leptura Records als Digitalalbum sowie auf CD. Mit zehn neuen Tracks und einer Spielzeit von rund 38 Minuten präsentiert das Duo einen düsteren, intensiven Nachfolger seines viel beachteten Debüts.
Bereits mit ihrer selbstbetitelten ersten Veröffentlichung konnte die Band Aufmerksamkeit in der internationalen Dark- und Alternative-Szene auf sich ziehen. Gute Kritiken, mehrere Wochen in den Deutschen Alternative Charts sowie gemeinsame Auftritte mit Szenegrößen wie Das Ich, Priest und Then Comes Silence unterstrichen das Potenzial der Schweden.
Mit „Incisor“ setzen Thin Eater ihren eingeschlagenen Weg konsequent fort. Musikalisch verbindet das Album treibenden Post-Punk mit kalten Industrial-Texturen und atmosphärischem Darkwave. Inhaltlich bewegt sich die Platte zwischen persönlichen Abgründen, gesellschaftlicher Kritik und makabren Allegorien.
Der Albumtitel leitet sich vom lateinischen „incidere“ – „schneiden“ – ab und verweist auf die Schneidezähne. Gleichzeitig dient er als Symbol für individuelles Überleben und kollektiven Widerstand. Die Songs erzählen von Isolation, Hoffnungslosigkeit und dem Weg hin zu Gemeinschaft in einer Welt, die zunehmend von Konflikten und autoritären Entwicklungen geprägt scheint.
Titel wie „Cathedral of Regrets“ und „Infernal Motions“ beschäftigen sich mit persönlichen Kämpfen und generationsübergreifenden Traumata. Andere Stücke wie „Draconian Pulse“ oder „Megalomania“ richten ihren Blick auf gesellschaftliche Machtstrukturen und globale Bedrohungen. Mit „Half of a Double Giving Birth“ und „Nex Animae“ greifen Thin Eater erneut auf ihre charakteristische Vorliebe für düstere und verstörende Bildwelten zurück.
Gegründet wurde Thin Eater 2022 im schwedischen Göteborg. Die Band beschreibt ihren Sound als eine Mischung aus der Stille verlassener Orte, düsteren urbanen Landschaften und dem mechanischen Puls industrieller Klangwelten. Hinter dem Projekt stehen Anders Calderon und Martin Claesson, die sämtliche Songs selbst schreiben, produzieren und performen.
Wer die intensive Live-Energie der Band erleben möchte, hat bereits kurz nach der Veröffentlichung Gelegenheit dazu: Am 6. Juni 2026 stehen Thin Eater im Fyrens Ölcafé in Göteborg auf der Bühne.
Wir haben mit der Band ein kurzes Interview zum neuen Album geführt:
Gothic Empire: Der Albumtitel Incisor verweist auf das lateinische incidere („schneiden“) und präsentiert das Album sowohl als Akt des individuellen Überlebens als auch des kollektiven Widerstands. Woher stammt diese Dualität und wie hat sie den kreativen Prozess beeinflusst?
Thin Eater: In den letzten Jahren ist in der Welt so vieles aus dem Ruder gelaufen. Es fühlte sich unmöglich an, heute ein Album zu schreiben, ohne auf das einzugehen, was um uns herum passiert. Manchmal kann alles hoffnungslos erscheinen und man möchte einfach aufgeben. Aber es ist wichtig, weiter für die Ideale zu kämpfen, an die man glaubt, und dafür braucht man Energie und einen Sinn. Manchmal muss man sich zunächst um sich selbst kümmern und sich mit den Dingen auseinandersetzen, die im eigenen Leben passieren. Eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten zu finden, kann ein Weg zur Heilung sein, auch wenn das natürlich sehr individuell ist.
Musikalisch hat sich das darin niedergeschlagen, dass einige Songs sehr introspektiv sind, während andere aggressiv und roh wirken. Wir mögen Alben, bei denen man nie genau vorhersagen kann, wie der nächste Song klingen wird, und genau das war unser Ziel bei Incisor.
Gothic Empire: Incisor bewegt sich zwischen sehr persönlichen Themen wie generationsübergreifenden Traumata, psychischen Kämpfen und einem breiteren Blick auf ausbeuterische globale Kräfte. Wie gelingt es euch, diesen Wechsel innerhalb eines Albums zu vollziehen, ohne den roten Faden zu verlieren?
Thin Eater: Den roten Faden nicht zu verlieren – sowohl musikalisch als auch textlich – war etwas, worüber wir während der Entstehung des Albums viel gesprochen haben. Manchmal hatten wir das Gefühl, uns vielleicht zu weit von unserem Ausgangspunkt zu entfernen, aber es gab immer etwas Verbindendes, das einen Song mit den anderen zusammengeführt hat.
Vielleicht sind es die Vocals, die melancholischen Akkordfolgen, die Texte oder die Produktion. Wir können es nicht exakt benennen, aber wir haben das Gefühl, dass die Songs trotz ihrer teilweise großen Unterschiede als Gesamtwerk funktionieren und zusammengehören.
Gothic Empire: Euer Debütalbum hielt sich acht Wochen in den DAC-Charts und erhielt starke Kritiken. Hat dieser Erfolg Druck erzeugt, als ihr Incisor geschrieben habt, oder hat er euch eher die Freiheit gegeben, noch einen Schritt weiterzugehen?
Thin Eater: Wir waren sowohl glücklich als auch überrascht darüber, wie positiv das erste Album von Publikum und Presse aufgenommen wurde. Beim Schreiben des zweiten Albums hat das keinen Druck erzeugt, sondern uns vielmehr inspiriert.
Wir wollten uns nicht zu weit von unserem Fundament entfernen, aber wir wollten auch nicht zweimal dieselbe Platte machen. Deshalb haben wir die Kernelemente beibehalten – Post-Punk-Gitarren, Drumcomputer, melodische Synthesizer und dunklen Gesang – und sind gleichzeitig einen Schritt weiter in Richtung eines industrielleren Sounds gegangen.
Was beide Alben verbindet, ist die treibende Kraft in der Musik. Wenn wir Songs schreiben, stellen wir uns oft einen dunklen Club mit Stroboskoplichtern vor. Auch wenn die Themen häufig düster sind, lieben wir Musik, zu der man tanzen kann.
Gothic Empire: Das Albumcover basiert auf einem Standbild aus Murnaus Nosferatu (1922) – einem Stück kulturellen Erbes, das ihr euch auf eure eigene Weise angeeignet habt. Was fasziniert Thin Eater am Makabren als Mittel für zeitgenössisches Storytelling?
Thin Eater: Es gibt etwas an der Ästhetik des deutschen expressionistischen Kinos, das wir schon immer geliebt haben. Das Cabinet des Dr. Caligari, Metropolis und natürlich Nosferatu. Da unsere Musik recht düster ist, passt diese Bildsprache perfekt als visuelle und textliche Grundlage.
Wir haben uns für ein Standbild mit dem Grafen entschieden, sein Gesicht jedoch entfernt. Wir fanden, dass es unheilvoller wirkt, wenn nur die Hände sichtbar bleiben.
Horrorkino eignet sich hervorragend als Allegorie, um Aussagen über die Gegenwart zu treffen. Manchmal fühlt sich die ganze Welt an wie ein Horrorfilm, der Wirklichkeit geworden ist.
Gothic Empire: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit dem neuen Release!
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