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Corona-Chronicles: Interview mit JT, Frontmann von microClocks

Heute JT im Gespräch, Sänger der Band microClocks
Gothic Empire: .Ein Hallo in den Ruhrpott, wie lebt man denn da gerade und geht es Dir gut, JT?
JT: Hallo aus dem Pott zurück! Ich freue mich riesig, dass ihr an uns denkt und wissen wollt, wie es uns geht! Und ja, mir geht es eigentlich ziemlich gut! Trotz aller Einschränkungen. Meine kleine Familie und ich sind zwar seit mehr als zehn Wochen zu Hause, aber wir sind alle gesund, das Wetter spielt mit… es könnte schlimmer sein. Auch wenn der Lagerkoller sich nach so langer Zeit hier und da mal Bahn bricht… aber das ist angesichts der Situation alles eher Pillepalle! 😉

Gothic Empire: .Euch hat es ja gleich am Anfang der Krise erwischt, als eines der ersten Festivals (Dark Club Festival) abgesagt wurde. Wie hast Du davon erfahren und wie sah es dann in Dir aus?
JT: Am 01. März – also exakt eine Woche vor der Show – haben wir über unsere Booking-Agentur erfahren, dass sich die Rockfabrik als örtlicher Veranstalter, der Kreis Heinsberg und die Stadt Übach-Palenberg treffen würden, um über die Durchführung der Konzerte für das folgende Wochenende zu sprechen. Bei dem Gespräch ginge es um die Frage, ob der Club seine Türen für Konzertveranstaltungen am darauffolgenden Wochenende öffnen dürfe. Wie bekannt, war Heinsberg damals der Landkreis mit den meisten COVID-19-Infektionen deutschlandweit. Der Veranstalter deutete an, dass der Konzertausfall an einem gesamten Wochenende ihn hart finanziell treffen würde, da die Vorverkaufszahlen wohl ansprechend waren. Mein erster Gedanke war, dass diese Momentaufnahme sehr wahrscheinlich nur der Anfang einer Absagewelle sein würde – mit katastrophalen Folgen für alle Kunst- und Kulturschaffenden. Im schlimmsten Falle würde die Festival- und Clublandschaft nie wieder mehr die sein, die sie einmal war.

Gothic Empire: .Das Festival wäre ja so ziemlich in der “heißen Gegend” gewesen, das wäre vielleicht ein Eigentor geworden, wenn es nicht abgesagt worden wäre, oder hättest Du zu diesem Zeitpunkt keine Angst vor einer Infektion gehabt?
JT: Es hat ja sicher bei jedem von uns eine ganze Weile gedauert, um die tatsächliche Tragweite des Ganzen zu erfassen. Und wie man hier und da hört, gelingt es einigen Menschen bis heute nicht, das alles zu verstehen und die rigorosen Maßnahmen als offenbar notwendig zu akzeptieren. Meine Frau ist Flugbegleiterin und war über ihren Arbeitgeber damals relativ frühzeitig an einem Punkt, an dem selbst ich die Tragweite dessen, was da passieren könnte und sollte, bereits erahnen konnte. Und am Ende kam es ja sogar noch schlimmer… Ich bin froh, dass derartige Events so früh abgesagt wurden, auch wenn es natürlich in der Musikerseele schmerzt… und das sicher noch eine ganze Weile!

Gothic Empire: .Ich habe Euch selbst auf dem Autumn Moon gesehen und erleben können, wie viel Spaß Ihr auf der Bühne habt und mit mir als Fotografin interagiert habt. Wie sehr fehlt Dir nun der Kontakt von der Bühne mit den Menschen und überhaupt wie schlimm trifft Dich die auftrittsfreie Zeit?
JT: Das Autumn Moon war wieder mal – wir durften ja bereits 2017 dabei sein – eine Riesengeschichte. Freut mich sehr, dass uns der Spaß auf der Bühne anzumerken war. Es ist ja immer etwas besonderes, vor einem feierwilligen Publikum zu spielen, auch oder gerade, wenn man nach anfänglich verhaltenem „Wer ist das und was machen die da?“ diesen Wow-Effekt spürt, den Punkt, ab dem sich die Leute dann mitreißen lassen. Und das ist auch genau das, was im Moment und eben sicher noch eine ganze Weile am meisten fehlt! Aber ich kann es durchaus positiv sehen: So eine Zwangspause kann auch was gutes haben! Mal runterfahren, in sich gehen und kreativ sein… das sehe ich als Chance! Auch wenn ich weiß, dass viele Musiker und andere Künstler derzeit um ihr Überleben kämpfen – und das nicht nur im übertragenen Sinne, sondern ganz real. Für die bedeuten fehlende Auftrittsmöglichkeiten den kompletten Verlust ihres Einkommens und damit ihrer Lebensgrundlage. Das dürfte sehr beängstigend sein, wenn man keine echte Alternative hat.Mich selbst und auch meine Mitmusiker trifft das Ganze zumindest finanziell nicht ganz so hart, da wir – im Moment muss man ja sagen: Gottseidank! – nicht von unserer Musik leben und unseren Lebensunterhalt mit Normalo-Jobs bestreiten.

Gothic Empire: .Was tust Du den ganzen lieben Tag, oder kannst Du Dich doch glücklich schätzen und noch einem anderen Beruf nachgehen außer als Frontmann Deiner Band?
JT: Wie gesagt, ist die Musik für mich zwar ein sehr wichtiger Teil meines Lebens, aber eben nicht meine Lebensgrundlage. Ich habe einen Job, der es mir ermöglicht, seit eben mehr als zehn Wochen von zu Hause zu arbeiten. Nun sind meine beiden Kinder mit ihren vier und fünf Jahren noch im Kita-Alter und wollen natürlich auch bespaßt werden. Meine Frau kann in ihrer zweiten Funktion als Personalvertreterin auch im Homeoffice arbeiten und so versuchen wir uns irgendwie bestmöglich durchzuwurschteln. Aber man stößt schon an Grenzen… Du kannst eben nicht zwei Sachen gleichzeitig zu 100% machen. Und oft genug tut es mir echt leid um die Kids. Aber denen scheint es trotz allem auch gut zu gehen. Abgesehen davon, dass ihnen ihre Kumpels fehlen, genießen auch sie die viele Zeit mit Mama und Papa.

Gothic Empire: .Wo hätten wir Euch denn noch erleben können und können alle Termine verschoben werden? Oder wird das ein oder andere Konzert auch ausfallen?
JT: Hm, das wissen wir leider noch nicht ganz genau. Wie zu Jahresbeginn so häufig, waren viele Termine für den Spätsommer/Herbst noch in Verhandlung, mitunter sogar recht weit gediehen. Für den 06.09. ist ein Gig auf einem größeren Szene-Festival bereits bestätigt. Hier ist aber noch immer völlig unklar, ob das Event wegen der Auflagen für Großveranstaltungen überhaupt stattfinden kann. Für die beiden Vortage waren Clubshows mit einer internationalen Band geplant, Reservierungen seitens der Clubs bestätigt. Hier machen uns zurzeit wiederum die Einreisebedingungen einen Strich durch die Rechnung. Sprich: Keine gemeinsamen Shows, wenn die Band nicht über den großen Teich kommen kann. Aber es gibt auch positive Nachrichten. So konnte für den Gig mit Heaven17, auf den wir uns sehr freuen, bereits ein Termin im kommenden Jahr gefunden werden – 07. Mai in der Red Box in Mönchengladbach. Auch das Dark Club Festival ist bereits neu terminiert. Hier wird ein neuer Anlauf – hoffentlich – noch in diesem Jahr am 11. Oktober genommen.

Gothic Empire: .In Wikipedia steht über Euch: ” Die englischsprachigen Texte handeln oft von gesellschaftspolitischen Problemen, der Fremdbestimmung, von sozialen Ungerechtigkeiten, dem Werteverfall unserer Gesellschaft und dem Aufruf zur Revolte gegen diese Zustände”. Wie siehst Du nun dazu die aktuelle Lage in der Welt?
JT: Es gibt sicher eine Menge Dinge in der Welt, gegen die man revoltieren könnte und sollte. Die Beschränkungen der letzten Wochen zählen für mich allerdings nicht dazu. Niemand kann jemals mit Sicherheit sagen, ob die getroffenen Entscheidungen mit all ihren Konsequenzen zu 100% richtig waren, oder ab man doch etwas anderes hätte machen können. Auf diese Diskussion würde ich mich auch niemals einlassen. Ich bin froh, dass wir in Deutschland so entschieden haben und dass es – in meinen Augen genau deswegen – nicht zu solch entsetzlichen Szenen wie in anderen Ländern gekommen ist. Und von diesem ganzen Weltverschwörer-Kram will ich nix hören! Das empfinde ich als übelsten Affront gegen die unzähligen Opfer des Virus!

Gothic Empire: Ich frage leidenschaftlich gerne nach Dingen, ohne die unsere Musiker nicht leben könnten. Was darf bei Dir zu Hause nicht fehlen, gerade in so schwierigen Zeiten wie wir sie im Moment haben?
JT: Kaffee! Kaffee ist sehr wichtig! Kaffee und Gin! 😉

Gothic Empire: .Gibt es auch etwas Positives für Dich aus der momentanen Situation zu gewinnen, mehr Zeit für die Familie, oder ist alles einfach nur deprimierend?
JT: Wie oben bereits gesagt, bin ich nicht wirklich unglücklich, momentan so viel Zeit mit meiner Familie verbringen zu dürfen. Sie sind nun mal die wichtigsten Personen in meinem Leben und wenn man ehrlich ist, bleibt im normalen Alltag leider einiges auf der Strecke – auch wenn man es nicht wirklich möchte. Ich bin auch kein Mensch, der zu Depressionen neigt. Ich versuche, jeder Situation etwas Gutes abzugewinnen und im Moment ist es eben die Zeit, die mir mit meiner Familie geschenkt wird. Ich bin sicher, dass die ganze Situation irgendwann auch wieder anders sein wird und ich mich dann zumindest in dieser Hinsicht eher mit Wehmut zurückerinnern werde.

Gothic Empire: .Findet man nun genug Stoff für neue Texte, wenn man sich das Verhalten der Menschen da draußen anschaut?
JT: Ganz ehrlich: Dazu braucht es eigentlich keine Krise dieses Ausmaßes! Da gab es schon vorher eine Menge Zeugs, dass besungen werden wollte….

Gothic Empire: .Wir alle scharren mit den Hufen, bis endlich das erste Konzert wieder stattfinden darf. Es werden aber eher die kleinen Veranstaltungen sein, Mega-Events werden noch warten müssen. Sinn oder Unsinn?
JT: Aus gesundheitlicher, epidemiologischer Sicht durchaus nachvollziehbar. Es wird ja auch in Zukunft darum gehen, die Reproduktionszahl im Zaum zu halten und die Kurve möglichst flach zu halten. Und bis ein Medikament oder gar ein Impfstoff in Sicht ist, müssen ökonomische Belange wohl hintan stehen, wenn man nicht komplette Bevölkerungsschichten und Risikogruppen als Kollateralschaden klassifizieren möchte. Obgleich aber eben auch hier immer Augenmaß gefordert ist. Es ergibt auf lange Sicht ja wenig Sinn, sich komplette Wirtschaftszweige total zu zerschießen, um am Ende mit zwar weit weniger Infizierten oder Toten jedoch vor einem riesigen Scherbenhaufen zu stehen. Ich habe darauf leider keine echte Antwort und hoffe, dass Rücksicht und Empathie, Vernunft und auch Pragmatismus sich die Waage halten werden.

Gothic Empire: Ich bedanke mich sehr für das Interview, bitte bleib gesund. Hast Du vielleicht noch eine kleine Nachricht an unsere Leser da draußen?
JT: Ich habe zu danken! Und an alle Leser da draußen: Denkt auch und gerade in diesen schwierigen Zeiten an eure Lieblingskünstler und versucht, sie zu unterstützen, wo es nur geht. Denkt dran, dass beim Streaming quasi nichts beim Künstler ankommt, kauft daher CDs, kauft Merch, teilt eure Leidenschaft für eine Band oder einen Künstler mit euren Freunden und gebt denen den selben Rat. Denn wenn das hier alles vorbei ist, sind es genau die Künstler, denen ihr durch diese schwere Zeit geholfen habt, die dann auf euren Konzerten spielen können und die dann euer nächstes Lieblingsalbum produzieren… Bleibt gesund

Gothic Empire: Jetzt hab ich Gänsehaut 😀  Danke ! Darauf einen Gin.