Manchmal sind es die Zwischenräume, die am meisten erzählen. Jene Momente, in denen man weder hier noch dort steht, sondern irgendwo dazwischen schwebt – zwischen Erinnerung und Vergessen, zwischen Nähe und Distanz, zwischen dem, was war, und dem, was niemals sein wird. Genau in diesem Niemandsland siedeln In Mitra Medusa Inri ihre neue EP „estrangement” an.

Fünf Songs. Zweiundzwanzig Minuten. Eine Reise durch Entfremdung, Verlust und die schmerzhafte Schönheit des Nicht-Ankommens. Nach ihrem gefeierten Comeback-Album „second life” (2024), das nach langer kreativer Pause den Neuanfang markierte, folgt nun ein Werk, das keine Fortsetzung sein will – sondern ein eigenständiger Schritt in noch dunklere, noch intimere Gefilde.

Wir durften mit der Band ein Interview führen!

Gothic Empire: Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview nehmt! Mit der EP “estrangement” habt ihr ein intensives Werk geschaffen, das uns bei Gothic Empire sehr bewegt hat. Wir würden gerne mehr über die Entstehung, die lyrische Tiefe und den kreativen Prozess hinter dieser EP erfahren.

Mit „estrangement” liefert ihr eine EP, die thematisch tief geht – Entfremdung, Verlust, das Dazwischensein. Was war der Impuls, gerade diese fünf Songs zusammenzubringen? Gab es ein verbindendes Erlebnis oder eine Phase, die euch zu diesem Konzept geführt hat?

In Mitra Medusa Inri:
Hallo zusammen, Konzept kann man es nicht nennen, da dieses Thema der Entfremdung uns schon immer begleitet. Man erkennt dies auch daran , dass dieses Thema auf unserer CD Dreams präsent war. Es ist, wie der Titel unsers letzten Longplayer darstellt, unser „second life“. Unsere Themen, Dinge die uns beschäftigen, umtreiben, vorantreiben. Es ließe sich auch so darstellen – wir das sind Konzept -. 😉

GE: Der Titel „estrangement” – Entfremdung – ist ein starkes Wort. Es klingt nach Distanz, aber auch nach einem Prozess. Bezieht sich das eher auf äußere Beziehungen oder auf eine innere Entfremdung von sich selbst?

IMMI:
Wir finden es richtig schön, dass sich sehr intensiv mit uns auseinander gesetzt wird. Denn genau diese Frage ist der Kern des Titel. Bei sich selbst beginnt es. Entfremde ich mich von mir, bleibe ich mir treu? Entfremde ich mich in Bezug auf Menschen in meinem engeren Umfeld oder gar die wohl noch größere Frage – entfremden sich der Mensch der Menschlichkeit ? Dies ist ein Gedanken der uns zutiefst beschäftigt und auch immer tiefer gedacht werden kann. Jedoch ist die Erkenntnis hieraus auch nicht immer positiv.

GE: Nach dem erfolgreichen Album „second life” (2024) kommt „estrangement” relativ schnell. War das eine bewusste Entscheidung, die kreative Energie direkt weiterfließen zu lassen – oder haben sich diese Songs regelrecht aufgedrängt?

IMMI:
Second Life war sehr wichtig für uns, um unseren gemeinsamen in / output festzuhalten, unsere kreativen Energien zu bündeln. Jedoch haben wir gemerkt das dieser Schritt dazu führte, dass noch mehr Gefühle, Emotionen vorhanden waren, die wir als Songs umsetzen wollten. Die Idee zu – estrangement – war geboren.

Zwischen Welten und Erinnerungen

GE: Eure Lyrics lesen sich wie Poesie – besonders in Songs wie „Between the Worlds” heißt es: „i walk a line that’s drawn in the sand / a place where shadows blur and expand / not here, not there, but somewhere in between”. Das ist ein mächtiges Bild für Zerrissenheit. Wie entsteht so ein Text bei euch? Beginnt ihr mit einer Zeile, einem Gefühl, oder entwickelt sich das parallel zur Musik?

IMMI:
Es ist ähnlich wie gerade schon beim Titel “estrangement” geschildert. Es entsteht ein Gefühl, ein Gedanke. Daraus erfolgt der immer tiefer werdende Eindruck in dieses Gefühl einzutauchen. Somit entsteht nach und nach der Text. Die Idee ist da, die Musik ist da, dies als Einheit zu gestalten. Das, sich fallen lassen in andere Ebenen. Wir kehren unser innerstes nach aussen.

GE: In „The Last Dancer” singt ihr „he’s the last dancer / wild and free / beat after beat / carries me” – ein Bild von jemandem, der trotz allem weitertanzt, der vielleicht sogar eine Form von Widerstand verkörpert. Wer ist dieser letzte Tänzer für euch?

IMMI: 
In erster Linie gingen wir von uns aus. Deshalb wechselt im Song auch die Ansprache von “He`s the last dancer ” zu ” I`m the last Dancer“. Das Gefühl zu haben, egal was gerade passiert, welche Hürde man auch nehmen muss, dennoch weiter zumachen – nicht aufzugeben, sein Leben weiter zu tanzen.
Bildlich gesprochen – Im Club ist der Abend zu ende, alle Besucher sind bereits gegangen und wir tanzen dennoch weiter , weil wir dieses Gefühl nicht loslassen möchten.

GE: „Gone Too Soon” wirkt wie der emotionalste, verletzlichste Moment der EP: „you were my anchor, my guiding star / now you’re gone / and everything feels so far”. Wie schwer fällt es, solche intimen Zeilen zu schreiben – und dann auch live zu performen?

IMMI:
Dies sind Themen, die Menschen real beschäftigen, die uns begleiten. Wenn geliebte Menschen einen zu früh verlassen. Die Trauer, der Tod, der Schmerz. Dies live zu performen kann eine Herausforderung sein. Aber wenn etwas schön ist, dass die Musik, die Worte vom Publikum angenommen werden und zum nachdenken anregen.

GE: Die EP bewegt sich zwischen düsteren Soundscapes und Momenten der Hoffnung – in „Memories” etwa. Braucht es diese Balance, um emotional nicht unterzugehen?

IMMI:
Wir können dies ziemlich eindeutig beantworten – würden wir mit den Gedanken nicht klar kommen könnten wir nicht leben. Denn aus allen Gefühlen heraus gibt es auch immer dabei das Gefühl der Hoffnung und Zuversicht – Es kann ja nicht immer regnen-

Von der Vision zum Klang

GE: Chai Deveraux hat bereits „second life” produziert und ist auch bei „estrangement” wieder an Bord. Was macht diese Zusammenarbeit aus? Versteht er eure Vision intuitiv, oder ist es ein ständiger Dialog zwischen euren Ideen und seiner klanglichen Umsetzung?

IMMI:
Mittlerweile kennen wir uns schon recht lang und wissen wie wir fühlen, was uns bewegt. Während unserer Produktionen ist ein ständiger Dialog wichtig und unumgänglich. Wir stellen unsere Vision dar. Prinzipiell ist es dann auch ein Annäherungsprozess, bis alle das Gefühl haben, die Songs sind auf den Punkt gebracht. Wie heißt es so schön: „Der Song sagt einem, wenn er fertig ist.“

GE: Emanuel „Manes” Zellberg hat das Mastering übernommen. Wie wichtig ist dieser finale Schliff für euch – gerade bei einer EP, die so stark von Atmosphäre lebt?

IMMI:
Manes ist unser Master Gott 😉 Er spürt unsere Musik. Durch sein Mastering, bekommen unsere Songs den letzten, finalen Schliff. Er ist in der Lage unsere Songs, durch sein Mastering einen finalen Schub zu geben. An dieser stelle noch einmal ganz lieben Dank an Manes für Dein fühlen unserer Musik.

GE: Andi Kaut an den Keys und Tialupa am Bass sind eure Live-Begleiter. Wie verändert sich der Sound der EP auf der Bühne? Gibt es Momente, in denen die Songs live eine ganz neue Energie bekommen?

IMMI: 
Durch Tialupa und Andi Kaut bekommen die Songs im Live Geschehen mehr Nachdruck. Wir versuchen durch weitere Synth Sounds die Athmosphäre zu vertiefen. Durch den Bass von Tialupa erhalten wir dann zusätzlichen Groove.

GE: Ihr habt mehrere Tour-Dates angekündigt – unter anderem in Karlsruhe, Hamburg und Essen. Was können die Leute erwarten? Wird es eine reine „estrangement”-Show, oder mischt ihr auch Material von „second life” ein?

IMMI:
Nein, eine reine – estrangement – Tour ist dies nicht. Natürlich haben wir einen Großteil der Estrangement Songs mit an Board. Wir spielen aber tatsächlich einen Querschnitt unserer Songs. Begonnen 1996 mit Long Forgotten World, über Second Life, weiter mit Dreams, bis hin zur aktuellen EP – estrangement.

Hier unsere aktuellen Daten.

04.04 Hamburg / Hafenklang
07.04 Essen / Grend
30.05 Meschede / MonoBar

GE: Und zum Abschluss: Was kommt als Nächstes? Ist „estrangement” ein Zwischenschritt, oder markiert die EP einen neuen künstlerischen Weg für In Mitra Medusa Inri?

IMMI:
Wir haben schon Ideen und Visionen für dieses Jahr. Diese möchte wir aber noch nicht verraten. Es bleibt spannend. Unser Ziel wird es aber weiterhin sein, unsere Emotionen und Gefühle in Wort und Musik umzusetzen, weiterhin „der / dem“ – enstrangement – entgegenzuwirken. Eines der wichtigsten Dingen im Leben: „Folgt Eurem Gefühl“. Dies zeigt Euch meist den richtigen Weg.

Wir möchten uns für das schöne Interview bedanken!

Alles über die neue EP:

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