Bislang blickten Remember Twilight vorwiegend nach außen – auf eine Welt, die dazu neigt, Werte über Bord zu werfen. Auf den Einzelnen, der sich durchs Leben schlägt, auf neue Ufer.

Mit Gedächtnispalast wendet sich der Blick nun nach innen. Die Säle, Flure und Kammern dieses Erinnerungsgebäudes werden mit ungewohnter Musik gefüllt: E-Gitarren bleiben im Schrank, das Schlagwerk beschränkt sich auf perkussive Akzente. Streicher, Akustikgitarren und Bass begleiten durch sechs unterschiedliche Klangräume, die Denkanstöße geben, ohne Antworten zu erzwingen.

In den Winkeln schimmert Vertrautes auf und ermöglicht neue Assoziationen. Die „Todestheologie“ lugt hinter den Gobelins hervor, durchs Fenster sieht man den Strand von „Zu Real“. Und irgendwo aus dem Off singt Leonard Cohen. Wohin das führen soll? Der Weg ist das Ziel. Kein Sherlock Holmes wartet mit eleganter Erklärung am Hintereingang – das Dasein ist kein Rätsel mit schlüssiger Lösung.

Mit ihrer Akustik-EP nähern sich Remember Twilight dem Ungewissen auf einem neuen Weg. „Gedächtnispalast“ erscheint am 16.01.2026 als auf 300 Exemplare limitiertes Vinyl – reduziert im Klang, offen im Denken.

Pünktlich zum Release durften wir mit der Band ein Interview führen:

Gothic Empire:

Nach über zwanzig Jahren Bandgeschichte wagt ihr mit „Gedächtnispalast“ einen radikalen Schritt. Was war der konkrete Moment, an dem klar wurde: Jetzt müssen wir ausbrechen?

Remember Twilight:

Timo: Als letzte EP hatten wir den Song „Die Umwertung aller Werte“ veröffentlicht. Gesanglich wurde der Track enorm durch Sebastian Lohse (ehemals Letzte Instanz) bereichert, und Ommar hat uns mit einem Video im Stil des „Dia de los Muertos“ bis an die Grenzen des Machbaren – und darüber hinaus – getrieben. Schnell stellte sich daher die offene Frage: Wie können wir das noch einmal überbieten? Ein einfaches „Weiter so“ kam nicht infrage. Wir steckten fest – in einer kreativen Sackgasse.

Gothic Empire:

Akustische Musik gilt oft als „reduziert“ oder sogar angestaubt. Ihr sprecht davon, dem Genre neues Leben einzuhauchen. Was war euch dabei wichtiger: Reduktion oder Neuerfindung?

Chriz: Reduziert haben wir nur die Lautstärke. Am deutlichsten macht sich das beim Schlagzeug bemerkbar, das wir durch Percussion ersetzt haben. Dann fehlen natürlich die E-Gitarren-Riffs. Sowohl Percussion als auch Akustikgitarren bringen aber auch wieder neue Nuancen mit sich. Davon abgesehen, dass die Streicher und der Bass mehr Raum haben. Wenn ich nicht wüsste, dass es unseren Produzenten Markus Stock zum Haareraufen treibt, würde ich jetzt sagen: Weniger ist manchmal mehr (lacht).

Gothic Empire:

Der Titel „Gedächtnispalast“ deutet auf einen sehr inneren, fast psychologischen Ansatz hin. Welche Rolle spielen Erinnerungen für euch – persönlich wie musikalisch?

Timo: Erinnerungen sind Fragmente und Bilder der Vergangenheit, die einen durch schwierige Zeiten tragen können. Wir alle haben den Lockdown erlebt, und mir hat es enorm geholfen, die vielen Erlebnisse – vor allem jene, die ich durch die Musik erfahren durfte – gedanklich noch einmal zu durchleben. Besonders die zahlreichen schönen Momente, etwa auf der Osteuropa-Tour mit Haggard, haben mir Kraft gegeben. So fiel es mir leichter, den damaligen Verzicht nicht als schreckliches Ende zu empfinden, sondern als eine Phase, die man überstehen kann.

Chriz: Anscheinend gibt es Menschen, die sich mit Hilfe bestimmter Techniken sehr präzise und analytisch erinnern können. Die könnten einen Grundriss des Gedächtnispalasts zeichnen und die Einrichtung jedes Raumes penibel beschreiben. Mein Gedächtnisgebäude verändert sich immer wieder und wenn ich bestimmte Punkte betrachte, dann beschleicht mich das Gefühl, dass ich nur eine Erinnerung von mehreren möglichen habe. Meine nämlich. Das finde ich faszinierend. Eine Realität, die sich als letzte, alleingültige und ewige Wahrheit festnageln ließe, wäre mir zu real.

Gothic Empire:

Viele eurer früheren Veröffentlichungen blickten stark nach außen – auf Gesellschaft, Werte, Wandel. War es schwierig, diesen Fokus nun bewusst nach innen zu richten?

Chriz: Es ist ja keine Kehrtwende um 180 Grad. Auch der Blick auf die Gesellschaft, auf Werteverfall, Sinnentleerung und Orientierungslosigkeit in der Welt war ja immer persönlich geprägt. Remember Twilight bieten Denkanstöße, indem bestimmte Dinge in Bilder verpackt werden. Wer soziale Kampfhymnen und Parolen sucht, wird bei uns nicht fündig, es sei denn, er interpretiert einen Text für sich entsprechend und sagt: Das ist jetzt mein individueller Soundtrack, der mich bestärkt. Diesmal mehr nach innen zu blicken ging vielleicht mit der gesamten Idee hinter “Gedächtnispalast” einher. Die Texte treten mehr in den Vordergrund, Proben und Songwriting fanden nicht im Proberaum, sondern rund um den Tisch im Wohnzimmer statt. Das hat Spuren hinterlassen.

Gothic Empire:

Mit „Todestheologie“ und „Zu Real“ tauchen bekannte Motive auf, aber in völlig neuem Klanggewand. Habt ihr diese Stücke neu entdeckt – oder sogar neu verstanden?

Chriz: Ich denke, wir haben sie von einer anderen Seite kennengelernt. “Todestheologie” eher musikalisch. Einen druckvollen Song mit elektrischen Gitarren und Schlagzeug akustisch zu interpretieren, ohne dass er seine Energie einbüsst, war interessant. Durch die andere Instrumentierung entstanden Lücken. Die hat Gruni mit einer neuen Bass-Idee gefüllt. Jetzt ist der Song mehr als die nachhaltige, stromfreie Version der alten Nummer. “Zu Real” wiederum hat einen anderen Text bekommen. Wir stehen wieder am gleichen Strand, aber der Blick geht in eine andere Richtung und über den Horizont hinaus, während die Musik vertraut bleibt. Auch hier war es wieder spannend zu spüren, wie anders sich die druckvolleren Passagen anfühlen, wenn man sie leiser spielt.

Gothic Empire:

Ihr interpretiert mit „Hallelujah“ einen wundervollen Song von Leonard Cohen. Warum gerade dieses Stück – und warum in diesem Kontext?

Timo: Manche Songs muss man nicht suchen – sie finden ihren eigenen Weg zu einem. Genau so war es auch hier. Silke feierte Geburtstag und wünschte sich diesen Song in einer akustischen Version von uns. Warum ausgerechnet dieser Song? Keine Ahnung – vielleicht war es eine schicksalhafte Begegnung.
Was ich an Hallelujah besonders mag, ist ohnehin nicht das Offensichtliche. Vielmehr fasziniert mich der nicht sofort greifbare Aspekt: dass dieser Song von der Spannung zwischen Glauben und Begehren, von Verführung, Zweifel und Scheitern handelt.

Gothic Empire:

Auch „Das Amulett“ von Coppelius findet seinen Platz. Was verbindet euch mit diesem Song?

Chriz: Da sind wir wieder beim Thema Erinnerungen. Wir sind schon mehrfach mit Coppelius unterwegs gewesen, der Compte hatte einen Studio-Gastauftritt bei unserer Version von “Mackie Messer” und “Das Amulett” ist ein Lied, das uns inhaltlich und musikalisch schon immer gefallen hat. Aus Streichersicht kann ich nur sagen: Es macht eine Menge Spaß, in der Melodik dieses Songs zu schwelgen. Und es geht um das Wesen des Menschen. Das Thema taucht auch bei uns immer wieder auf. Hier ist es eben etwas märchenhafter verpackt.

Gothic Empire:

Ihr beschreibt den Hörer als Wanderer durch verschiedene Klangräume. Soll „Gedächtnispalast“ eher geführt werden – oder bewusst offen bleiben?

Chriz: Im “Gedächtnispalast” gibt es auch Tapetentüren und Luken, die zu geheimen Verbindungsgängen führen. Die muss aber jeder für sich finden. Es ist keine Schlossführung, in der jedes Mal die gleichen Fakten runtergespult werden. Wir geben dem Hörer den Schlüssel und er macht sich selbst auf den Weg. In seinem Tempo. Mit seinem Fokus und mit der Möglichkeit, sich dort länger aufzuhalten, wo er sich gerade am wohlsten oder am meisten inspiriert fühlt.

Gothic Empire:

Die EP erscheint ausschließlich als auf 300 Exemplare limitierte Vinyl. Ist das ein Statement gegen Schnelllebigkeit – oder einfach die logische Form für diese Musik?

Chriz: “Gedächtnispalast” soll ein Gesamtpaket sein. Das Cover ist von einem Menschen von Hand gestaltet. Die Musik ist unverkennbar handgemacht, noch unverkennbarer als sonst. Wie würde es wirken, das Ergebnis dann nur als Download anzubieten, um eine andere Variante zu nennen? Vinyl ist ein sinnlicheres Medium, auch im Vergleich zu einer CD. Und die Limitierung sagt: Genießt diese Musik und gönnt Euch etwas Besonderes.

Gothic Empire:

Bleibt „Gedächtnispalast“ ein einmaliger Ausflug – oder hat diese akustische Reise etwas in Bewegung gesetzt, das auch eure Zukunft beeinflussen wird?

Timo: Ehrlich gesagt wissen wir noch nicht, welche Überraschungen die Zukunft bereithält oder ob es ein einmaliger Ausflug bleibt. In diesem Jahr wollen wir herausfinden, wie sich dieser neue Weg anfühlt. Einen ersten Vorgeschmack gab es bereits beim Tanzt Festival mit fünf akustischen Songs. Eines ist jedoch sicher: Der lauten und härteren Musik bleiben wir definitiv treu.

Alle weiteren Infos zum Release: https://www.remember-twilight.de/

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